Das Orchester ging 1970 aus einem Streichquartett hervor, nannte sich "Kammermusikkreis" und hatte zum Ziel, die Kantoreien der Umgebung bei der Aufführung von Kirchenmusiken zu unterstützen, aber auch eigene Konzerte zu geben. Anfangs arbeitete das Orchester ohne Dirigenten, aber mit der seit 1975 beginnenden Konzerttätigkeit – gefördert durch den Kulturkreis Uelzen – wurde die Notwendigkeit einer verantwortlichen Führung offensichtlich.
So übernahm 1980 der damalige Leiter der Musikschule, Herr Irmscher, ein ausgebildeter Dirigent, die Stabführung bis zu seinem Weggang an die Musikschule in Wesel (1988). Unter ihm gewann das Orchester bei regelmäßigen Proben beträchtlich an Qualität. Der Geiger Holger Hansen, der ebenfalls an der Musikschule tätig war und unserem Orchester immer wieder seine Schüler zugeführt hatte, übernahm bald darauf die Leitung des Orchesters, das sich nunmehr "Uelzener Kammerorchester" nannte.
Nach gut zehnjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit und vielen öffentlichen Auftritten übergab H.Hansen den Dirigentenstab an den Cellisten und Musikpädagogen Heiko Schlegel, der seitdem das Orchester mit großem Engagement und Ehrgeiz leitet. Mit ihm hat sich die Auswahl der aufgeführten Werke weit über das barock-klassisch-romantische Reperoire hinaus bis in die Moderne erweitert. Der Schwerpunkt liegt nunmehr auf dem Erarbeiten der jährlichen Konzerte mit 'weltlicher' Orchestermusik, wobei das Mitwirken an Kirchenkonzerten auch weiterhin von Bedeutung bleibt.
Zu herausragenden Ereignissen führte die Zusammenarbeit mit anderen Ensembles, so mit den Chören von Schlegels Kollegen Wolfgang Knappe bei der Aufführung von Haydns Jahreszeiten, mit der Marienkantorei Uelzen (Kantor Erik Matz) für Mozarts Requiem sowie J.S. Bachs Weihnachts-Oratorium und mit dem Blechbläser-Ensemble der SELK. Besonders erwähnenswert ist die Zusammenarbeit mit den Schlagzeugern von 'Drum-Herum' (Ltg. Daniel Orthey) für die Aufführung der Carmen-Suite in der Bearbeitung durch Rodion Schtschedrin - unter dem neuen Namen 'frantic percussion ensemble' - bei der Uraufführung des Auftragswerks "Eulen" von Matthias Kaul (2015) und zuletzt im Jahreskonzert 2019.
|
Unser Dirigent Heiko Schlegel |
|---|
Den Kulturpreis erhielt Heiko Schlegel für seine Verdienste um das Kammerorchester Uelzen, dessen Dirigent und Leiter er seit 2002 ist. Der Landesmusikrat Niedersachsen formulierte dies so:
"Die Konzerte des Kammerorchesters Uelzen sind dramaturgisch durchdacht und präsentieren ein
ungewöhnliches, aber qualitativ anspruchsvolles Repertoire. Laienmusiker und Profimusiker
zusammenzubringen ist eine wichtige Aufgabe, die das Kammerorchester vorbildlich umsetzt."
Am 15. September 2025 überreichte Landrat Dr. Heiko Blume den Kulturpreis 2024/2025 des Landkreises Uelzen an Heiko Schlegel, den Dirigenten unseres Orchesters. |
|---|
Vor und hinter diesem Konzept steht seit über zwei Jahrzehnten Heiko Schlegel, von Beruf
Oberstudienrat mit den Fächern Chemie und Musik. Hinter ihm stehen wiederum Familie und das
Orchester. Natürlich ist der Multiinstrumentalist auch in der Lehre erfolgreich, zum
Kulturschaffenden macht ihn jedoch das Orchester, das so erst geleitet und organisiert sein muss.
Das geht bei ihm auch mit sehr geringem Budget: Förderungsbeiträge und Spenden in niedrigem
vierstelligen Betrag, kein Beitrag der Orchestermitglieder, die ihre Kosten selbst tragen, etwa 25
Proben für das Jahresprogramm. Durch sein Wirken hat das Orchester einen einzigartigen Charakter
bekommen, viele Gegensätze haben zusammengefunden. Die Mitwirkenden im Konzert sind je zur
Hälfte Berufsmusiker und Liebhaber. Letztere kommen aus vielen verschiedenen Berufen, natürlich
Lehre und Medizin, aber auch Naturwissenschaftler und Schüler. Der Altersunterschied liegt bei
über 60 Jahren. An Solisten gibt es keinen Mangel. Sie kommen ausnahmslos aus dem Nachwuchs,
oft in der Zeit der Abschlussexamina an umliegenden Musikhochschulen, aber vor allem begabte
Schüler aus dem direkten Einzugsbereich, die gleichzeitig erste Erfolge bei Jugend Musiziert
erarbeiten oder dem Studienabschluss entgegengehen. Der Einzugsbereich der ordentlichen
Mitglieder umfasst ein Gebiet mit über einhundert Kilometern Durchmesser.
Der Entstehungszeitraum der Musikstücke, die zur Aufführung kommen, ist ebenfalls maximal. Die
älteste Quelle ist Oswald von Wolkenstein (14. Jahrhundert), viele der Komponisten leben noch – es
ist hier unter "Konzertchronik" nachzulesen. Die Zeitgenossen tragen regelmäßig zum
Notenmaterial bei, durch neue Komposition und Uraufführung, unentgeltliche Überlassung und im
Extremfall durch Überarbeitung für Streichorchester, wie z.B. des kürzlich verstorbenen Australiers
Christopher Gunning, der den Beobachtern von Arte und ONE für seine Filmmusik bekannt sein
kann. Wenn es keine Noten gibt, arrangiert Heiko Schlegel selbst.
Die regelmäßigen Teilnehmer am Programm – Mitwirkende wie Zuhörer – stellen mit der Zeit fest,
welche Nebenwirkungen dieses Orchester entfaltet. Wer beispielsweise regelmäßig neue
Aufführungen bedeutender Orchester hört, im Saal oder via Rundfunk und Fernsehen Musik hört,
bemerkt immer öfter: Von diesem Komponisten haben wir schon gehört – dieses Opus hatten wir
auch schon aufgeführt – dieser Musiker, auf den die Kamera länger hält, war auch schon bei uns.
Und der ein oder andere hat das auch so auf seiner Homepage vermerkt.
Naturgesetzlich ist mit geringen Mitteln, wie sie Heiko Schlegel zur Verfügung stehen, kein
Vergleich mit den berühmten Orchestern möglich. Aber es ist so, daß auch gute Solisten gern
kommen und die Live-Aufnahme gebrauchen können. Insgesamt entspricht alles den aktuellen
Vorschlägen zu Audience Development der Kultusministerien und obersten Fachverbände.
Text: Dr. Anneliese Weidner im Oktober 2025